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  • carolin rebmann

Bereit für die nächste Corona-Welle?

Der Umgang mit Corona erregt allmählich immer mehr die Gemüter. Ein neuer Beitrag des kreativen Schreibens - spontan und nicht ganz ernst - zum Thema "Corona"



Liebe Verantwortlichen (wer auch immer hier zu nennen ist),

in diesen Tagen herrscht Panik, Stillstand und Verbot. Wenig differenziert und autoritätshörig agiert die Mehrheit der Bevölkerung: Plakate an den Fenstern „Wir bleiben zu Hause“, bunte Regenbogen von mehr oder weniger motivierten Eltern, die für mich keinen bunten Trost, sondern eher das Schwarz/Weißdenken der Allgemeinheit symbolisieren. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse klaffen auseinander. Die einen beschwören ein Zusammenbrechen des Gesundheitssystems, wenn wir uns nicht exakt an die Maßnahmen halten, die anderen üben sich in Protesten, in Alternativmodellen und in Petitionen.

So kommt mir der nun verordnete Mundschutz auch als Bild eines Maulkorbes in den Sinn.

In mir tauchen immer mehr Fragen auf.

Geht es den Politikern, den Informanten, den Beratenden wirklich um Schutz oder eher um Macht? Ich beziehe mich dabei nicht nur auf all die Prozesse im Hintergrund, die als Verschwörungstheorien unter „Corona-Leugnern“ verbreitet werden. Ich meine z.B. auch ganz konkret auch die Machtausübung der Polizisten, die sich dank Infektionsschutzgesetzes nun nicht mehr auf Demos und Bahnhöfen anpöbeln lassen müssen, sondern eine deutliche Aufwertung durch ihre neue Rolle erfahren, indem sie quasi leere Straßen „sauber“ halten und auf den Mindest-Abstand und die Gruppenanzahl achten - und sie nehmen diese Aufgabe sehr ernst. In meinem Fall sind sie mir ja ein bisschen zu nahe gekommen, die jungen Uniformierten, da war die Grenze des Mindestabstands definitiv überschritten. Aber da wir uns auf einem Spaziergang nach einer Trauerfeier befanden, wurde noch einmal ein Auge zugedrückt von Seiten der Polizei und uns keine Strafe ausgesprochen. Also wollte ich es ihnen gleich tun und verzichtete auf unnötige Anmerkungen.

Also: es geht nur um unseren Schutz?

Auf einmal sind diejenigen wichtig, die uns davor wenig interessiert haben? Die Alten, die Kranken und die in helfenden und pflegenden Berufen? Genau diejenigen, die davor unter Altersarmut, Ausgrenzung gelitten und für viel zu geringe Löhnen geschuftet haben? Und hat eigentlich jemand die Risiko-Gruppe gefragt, ob es ihr recht ist, dass wir (alle anderen) diese tiefgreifenden Einschränkungen hinnehmen, um sie zu schützen? Ich könnte sie auch selbst fragen, ich sehe genug von ihnen, wenn ich mit meinen Kindern spazieren gehe.

Eine weitere Frage und jetzt wird es schon kompliziert: Die Maskenpflicht vs. Vermummungsgesetz.

Wenn ich einkaufe, dann mache ich mich ab jetzt strafbar ohne Maske. Wenn ich aber im Auto mit Maske gesichtet werde, mache ich mich auch strafbar. Schade, ich hatte mich schon gefreut, die leeren Straßen zur Raserei zu nutzen, um schnell das letzte Päckchen Klopapier zu erhaschen! Aber nicht ohne Konsequenz. Also weg mit dem Mundschutz im Auto. Und auf der Straße? Was wohl alles unter dem Deckmantel der Maske passieren könnte, mag ich mir gar nicht genau vorstellen.

Die Maske übrigens, deren Wirksamkeit ohnehin in Frage gestellt wird, trägt vermutlich eher dazu bei, dass die Menschen wieder den Mindestabstand und andere Hygiene-Maßnahmen nicht mehr so ernst nehmen. Nachdem man erschreckend vielen Menschen erst das Händewaschen erklären musste, wird es lange Zeit in Anspruch nehmen, den angemessenen Umgang mit Masken samt der Desinfizierung zu erläutern.

Bei allen Maßnahmen und Bedrohungen: Es geht doch um Verhältnismäßigkeit. Warum dürfen privat nicht mehr als zwei Personen zusammen sein, wenn sich an anderer Stelle die Menschen quasi Schulter an Schulter über den Marktplatz schieben? Warum ist eine Schlucht in Baden-Württemberg zum Bewandern gesperrt, wenn Läden wieder öffnen dürfen und die Industrie längst wieder heiß läuft?

Besonders die Berichterstattung gibt mir zu denken:

Am einen Tag berichten uns die Medien, dass italienische und französische Patienten in deutschen Krankenhäusern aufgenommen werden. Das tun wir, weil wir es können, denke ich mir und bin entspannt. Einen Tag später erreichen uns Hochrechnungen, die uns zeigen sollen, dass die Kapazität in Deutschland an Intensivplätzen bald erschöpft sein könnte, sofern der Anstieg der Infizierten sich weiter entwickle wie berechnet. Was nicht der Fall war.

Mit Blick auf andere Länder sei auch die Frage erlaubt, warum wir den katastrophalen Zuständen in unseren Nachbarländern so lange zugeschaut haben und die Grenzen dicht machten anstatt früher zu helfen? Natürlich, wir müssen unsere Plätze für unsere Einwohner freihalten.

Sind also italienische Leben weniger wert als deutsche? Schöne neue, alte Welt.

Und freihalten muss man nun auch die zahlreichen Krankenhausbetten für potentielle Corona-Fälle im eigenen Land, was viele Patienten im eigenen Land zum Warten und Weiterleiden zwingt. Bei der gesamten Corona-Krise (so wird es ja genannt) geht es ja nicht nur um das, was wir vermitteln, es geht auch darum, wie wir es vermitteln. Unsere Sprache bestimmt unser Denken.

Immer häufiger hören wir, dass wir uns in kriegsähnlichen Zuständen befinden. Alle Menschen, die uns begegnen sind eine potentielle Gefahr. Nähe - jede Umarmung kann tödlich sein. (Sendung Panorama, 23.04.2020). Sie lesen richtig. Nicht Konjunktiv könnte, nein Indikativ kann.

Was macht das mit uns? Wie lenken diese Worte unsere Empfindungen? Und nebenbei unseren Willen, verordnete Maßnahmen mitzutragen? Warum wird Nähe auf einmal ausschließlich durch Körperkontakt definiert? Die Wahlergebnisse der letzten Jahre zeigen mir zudem, dass bereits vor der Corona-Krise ziemliche viele Menschen eine potentielle Gefahr für uns und unsere Gesellschaft darstellten. Nicht nur Viren, auch Idiotie scheint ansteckend zu sein. Wer schützt mich davor? Bedrohen radikale Ideen nicht weitaus mehr Menschenleben als Covid19?

Das ist aber momentan nicht wichtig. Denn wir denken in den Kategorien systemrelevant und nicht systemrelevant. Welches System meinen wir? Das vom Staat vorgegebene? Das durch wirtschaftliche Interessen geprägte System? Das System, das auf Funktionalität und Homogenität ausgerichtet ist? Glauben Sie nicht? Dann unterhalten Sie sich doch mal mit Menschen, die nicht der Norm entsprechen, wie es ihnen tag täglich ergeht. Oder versuchen Sie den Kinderarzt davon zu überzeugen, dass der BMI-Wert Ihres zweijährigen Kindes Sie nicht beunruhigt. Oder stoßen Sie an einem geselligen Abend mal die Diskussion über Pränatal-Diagnostik, Ehe für alle und Adoption für Homo-Ehen an. Da können Sie mal schauen, wie heterogen unsere Gesellschaft ist und sehr das System auf Vielfältigkeit und auf den Wert des Einzelnen ausgerichtet ist.

Könnten wir also gerade in Krisen-Zeiten sprachlich ein bisschen weniger dick auftragen und mehr differenzieren? Können wir auch auf das schauen, was uns gelungen ist, einen positiven Ausblick geben und die Kirche mal im Dorf lassen? Und die Leute dorthin gehen lassen?

Positives Denken ist aber nicht angemessen. Seelische Unterstützung auch nicht. Im Gegenteil, es könnte gefährlich sein. Gefährlich für uns alle. Deshalb agiert die Politik nicht über Aufklärung und Vernunft und Vertrauensvorschuss, sondern setzt auf Strafrecht und Drohungen.

Neben der Produktion von Hashtags Wir bleiben zu Hause und massenhafter Selbst-Isolation: Was passiert, wenn wir sprachlich den Kriegs-Jargon auspacken?

Was macht die Panikmache zum Beispiel mit unseren Selbstheilungskräften? Bevor Sie die Augenbrauen heben: natürlich reicht mein medizinisches Verständnis aus, um zu wissen, dass eine optimistische Grundhaltung nicht mit einer tödlich verlaufenden Krankheit konkurrieren kann. Tödlich nur, wenn Sie zur Risikogruppe gehören. Und es geht ja nicht nur um die Todesopfer, es geht ja um die vielen schweren Verläufe, die die Intensivplätze samt Personal an unsere Grenzen bringen können, nein könnten. Aber die Selbstheilungskräfte sind trotzdem körperlich und psychisch nicht zu unterschätzen. Wenn wir also davon ausgehen, dass alles gut wird, kann es unter Umständen auch gut werden. Wenn wir glauben, dass wir nicht alle krank werden, nicht sterben, dass wir nicht infizieren und nicht infiziert werden. Wenn wir davon überzeugt sind, dass wir auch mit Corona-Positiv weiterleben, dass es trotz Krise und der Bedrohung weitergeht und wir spüren, dass uns geholfen wird: Vielleicht würde auch diese Einstellung das eine oder andere Bettchen im Krankenhaus frei und die eine oder andere einsame oder wirtschaftlich ruinierte Person nicht verzweifeln lassen?

Weitergehen wird es aber eher mit dem Politik-Wirrwarr. Auf der einen Seite spielen wir das Föderalismus-Spielchen, bei dem die Länder Unterschiede zeigen, welche Hilfen wo und wie ankommen. Anstatt flächendeckend allen zu helfen. Das wäre ja zu einfach. Es macht viel mehr Sinn (im Sinne der Politik) die einen mehr zu fördern als die anderen. Und das Gute: dieses Mal ist es nicht nur ein Ost-West-Dilemma. Und auf der anderen Seite werden Grenzen geschlossen und bundesweite Regelungen getroffen, z.B. das Kontaktverbot.

Dabei hätte die Corona-Krise auch Chance sein können. Nein, ich meine nicht nur für die Familien, die feststellen, dass Zeit füreinander wertvoll ist und dass man durch das Anhalten des Hamsterrades nun eine Auszeit quasi geschenkt bekommt. Solche Äußerungen erfreuen sich ja medialer Beliebtheit und bilden bestimmt nicht die Realität derer ab, die mit wenigen Urlaubstagen im Jahr und Kleinkindern zu Hause Home Office und Kinderbetreuung rund um die Uhr stemmen müssen. Gemeinsame Zeit ist wertvoll und schön, aber ich glaube nicht bei allen Familien macht sich das Urlaubs-Feeling so richtig breit.

Gemeint ist hier eigentlich die Chance für die Politik. Dass der Staat wieder seine Schutzfunktion wahrnimmt und nicht nur durch Verbote, sondern eben durch Aufklärung, Ermutigung und Appell an den gesunden Menschenverstand, der hier und da zu finden ist, agiert. Durch Vorbild-Funktion. Hallo Herr Spahn, wie war es im Fahrstuhl mit den vielen anderen Menschen auf engstem Raum?

Stattdessen haben wir Zerstörung der kulturellen Szene, der Bildung, der Grundrechte!

Und eines wird wieder einmal klar: Wirtschaft vor Bildung. Es ist wichtiger, dass wir wieder Arbeiter in einer gemeinsamen Halle an die Produktionsbänder zurückholen, als dass einzelne Schüler und Schülergruppen zusammensitzen, um gemeinschaftlich in einer guten und hygienisch angemessenen Lernumgebung Bildung leben. Bildung muss warten. Wir müssen warten. Bevor die Kleinen, die sowieso eine schlechte Stellung in Deutschland genießen, ihre ungewaschenen Hände in die Kita-Spielkiste und ins Füllfedermäppchen drücken, sollen lieber wieder die Läden in Deutschland öffnen. Haben dann die Baumärkte eigentlich zu? Im Sinne der Gerechtigkeit? Wenn jemand eine Auszeit verdient hätte, wären es doch die Baumarkt-Mitarbeiter nach den letzten Wochen des Ansturms.

Vielleicht, liebe Politiker, ist Ihr Vorgehen ein bisschen zu kurz gedacht? Und nicht zukunftsträchtig. A propos Zukunft:

Erinnern wir uns noch einmal, wie untragbar die Jugendbewegung im Zeichen des Klimaschutzes für einige Politiker war? Fridays for future – Verletzung der Schulpflicht. Das geht doch nicht.

Doch das geht auf einmal. Die Schulpflicht wurde einfach ausgesetzt. Ach nein, sie findet online statt. Das muss reichen. Wird doch einmal Zeit, dass die Eltern in die Pflicht genommen werden für die Schulbildung ihrer Kinder. Bisher lag das ja vollkommen in rein pädagogischer Hand. Endlich dürfen wir Eltern ran. Und weil das Online-Lernen so gut funktioniert, könnten wir danach an Lehrerpersonal einsparen. Lernen ist ja reine Inhaltsvermittlung und das geht auch so, das weiß man doch.

Wie geht es nun weiter? Jens Spahn, unser Gesundheitsminister mit langjähriger lukrativer Verbindung zur Pharmaindustrie, reibt sich die Hände bei der Vorstellung einer Impfpflicht für alle. Nach den Masern-Impfpflicht wird das ja sein neuester Coup.

Und dann wollen wir ja endlich wieder zurück zur Normalität. Das ist noch so ein sprachliches Highlight. Wollen wir das, Normalität? Was ist eigentlich damit gemeint? Die systemrelevante Normalität? Das Leben, das wir alle davor hatten? Warum beschwören dann die Haus-und-Hof-Philosophen rund um Markus Lanz und Co., dass jetzt die Gelegenheit zur Veränderung sei. Das Fenster sei sperrangelweit offen, so heißt das bei Richard David Precht. Sie erinnern sich, an die Auszeit vom Hamsterrad? An die kostbare Zeit mit der Familie, die wir nur dank Corona haben durften? Also war es doch nicht so normal vor Corona? Oder zumindest verbesserungsfähig? Und was genau ändern wir, was soll wieder normal werden? Ohne hellseherische Fähigkeiten zu haben, behaupte ich vorsichtig, es wird alles wieder sehr schnell, sehr normal. Im negativen Sinn. Und das ist eigentlich schade. Ich würde tatsächlich (Lieblingswort aller Menschen, die etwas zu sagen haben) gerne das eine oder andere beibehalten. Der Abstand zu fremden Menschen darf gerne aufrechterhalten werden. Wenn ich an der Kasse anstehe, kann ich auch zukünftig darauf verzichten, den Atem meines Hintermannes im Nacken zu spüren (tut mir leid, es sind meistens die Männer).

Ich könnte auch mit der Berichterstattung so weiterleben. Denn außer Corona gibt es scheinbar nichts Weiteres zu berichten, das heißt, wenn ich keine Nachrichten lese und höre, habe ich nichts verpasst. Mehr Zeit für mich, meine Kinder und die Bearbeitung der Emails aus Kindergarten und Schule.

ABER…

Dass uns heute viel öfter und aus vollem Herzen Gesundheit gewünscht wird, darf gerne so bleiben. Und das meine ich in der Tat sehr ernst.

Gesundheit als teuerstes Gut zu bezeichnen und ihr bewusst die entsprechende Wertschätzung beizumessen und all denjenigen, die sich bemühen und abrackern in den Berufen, die unsere Gesundheit fördern und erhalten - das sollte unbedingt zum neuen Standard werden.

Und Diskussionen, wie wir mit Hygiene-Maßnahmen, mit Grundrechten, mit Krisen umgehen als aufgeklärte Gesellschaft, auch das sollten wir fortführen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, auch ich nehme Krankheit und infektiöse Bedrohungen sehr ernst. Ich habe auch Sorge, krank zu werden oder vor allem einen geliebten und nahestehenden Menschen womöglich anzustecken. Deshalb halte ich Abstand und wasche mir gründlich die Hände. Noch mehr Sorge macht mir aber der Umgang mit dieser Bedrohung.

Denn Corona wird nicht die einzige Herausforderung bleiben.

Und wir werden sehen, wie es in unserem Land weitergeht, sofern wir die zweite und vielleicht dritte Welle überstehen werden.

Wie geht die Politik mit den ganzen Schicksalen der Kulturschaffenden, der Solo-Selbstständigen, der kleinen Unternehmen um? Und wird endlich massiv in das Gesundheitssystem investiert? Werden Notstände behoben? Wird die Risikogruppe auch nach Corona noch im Fokus stehen und ihre Ängste (auch fernab von Krankheitserregern) gehört?

Oder erfahren wir, dass es doch um ganz andere Dinge geht und wir als Gesellschaft auf die Probe gestellt werden – es werden enorm Ängste geschürt und Grundrechte beschnitten, Daten sollen erfasst werden und Impfstoffe die einzige Lösung aus der Misere darstellen. Bei dieser Aufzählung läuten verschiedene Alarmglocken bei mir.

Und denken wir auch einen Augenblick daran, wie China mit der Bedrohung umgegangen ist und sich in Hinblick auf die europäische Krise nun abermals in Fäustchen lacht – natürlich nur heimlich hinterm Mundschutz. Zu unserer aller Sicherheit.


    © 2018 by Carolin Rebmann