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  • carolin rebmann

Die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie… Existiert nicht!


Frauen und Männer wünschen es sich und Arbeitgeber versprechen es: Die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie. Auf der einen Seite beruflich durchstarten, Geld und Anerkennung verdienen, sich persönlich weiterentwickeln – auf der anderen Seite der Elternrolle gerecht werden, Freizeit mit Kind und Kegel genießen und Erziehungsarbeit nicht nur anderen überlassen; Dank Home Office Regelungen, flexiblen Arbeitszeitmodellen, Betriebskindergärten und Kitas scheint dies alles machbar. Aber ist es wirklich richtig, nach einer Vereinbarkeit zu streben, die es eigentlich gar nicht geben kann? Zeit darüber nachzudenken!



Die Erwerbstätigkeit der Frau: Eine befriedigende Entwicklung?

Es ist noch nicht so lange her, da waren die Rollen eindeutig definiert. Der Mann wurde im beruflichen Kontext gesehen, die Frau war für Haus und Kind zuständig. Zwischen 1958 bis 1977 hieß es im BGB: „Sie [die Frau] ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist"[1] Und über diese Vereinbarkeit konnte der Ehemann entscheiden, in dem er die Erlaubnis zum Arbeiten gab oder Arbeitsverträge ohne die Zustimmung seiner Ehefrau eigenständig kündigte.[2]


Heute sind laut Gesetzbuch beide Ehegatten berechtigt, erwerbstätig zu sein. Und noch nie waren so viele Frauen berufstätig wie heute im Jahr 2020 – nämlich 76 Prozent, das sind drei von vier Frauen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren.[3] Die Geburtenquote hat sich im Vergleich zu den starken Jahrgängen in den 1950-er und 60-er Jahren zwar verringert, ist aber seit Jahrzehnten relativ stabil bei aktuell 1,54 Kindern pro Frau.[4]


Man könnte also vermuten, dass wir es als Gesellschaft geschafft haben: Frauen sind mit den Männern in Punkto Erwerbstätigkeit fast gleich auf UND haben Kinder. Klingt nach viel Gleichberechtigung und Zufriedenheit, doch der Schein trügt. Überdurchschnittlich viele Frauen mit minderjährigen Kindern arbeiten in Teilzeit (66,2 Prozent, Stand 2019)[5], gleichzeitig verteilt sich die Haus- und Erziehungsarbeit nicht auf beide Elternteile. In diesem Bereich trägt die Frau immer noch die Hauptverantwortung.



Home Office – ist dies die Lösung?

Das Thema der Vereinbarkeit ist also vorwiegend ein Frauenthema. Wer als Mutter seinem Beruf nachgehen und Geld verdienen möchte oder muss, sieht sich vor der Herausforderung, berufliche Anforderungen sowie familiäre Ansprüche unter einen Hut zu bringen. Und das ist nicht unbedingt einfach, da wir nicht an zwei Orten gleichzeitig sein können.


Wir können nicht arbeiten und gleichzeitig unsere Kinder betreuen. Auch mit Home Office Angeboten ist dies nur sehr bedingt möglich. Der Lockdown im Zuge der Corona-Pandemie hat die Grenzen des Machbaren aufgezeigt. Home Office ist eine gute Regelung, wenn es darum geht, Zeit durch fehlende Arbeitswege einzusparen und flexibler zu entscheiden, wann und in welchem Umfang man arbeitet. Aber selbst wenn der Laptop zuhause aufgeklappt wird – es bleibt Arbeitszeit und je nach Aufwand prallen auch in diesem Modell Arbeits- und Betreuungszeiten der Kinder (oder im Lockdown fehlende Betreuung) aufeinander und verursachen Stress, Hektik und Unzufriedenheit. Auch die gesundheitlichen Folgen werden nach und nach spürbar, wenn die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit noch weiter verwischen und regelmäßige Pausen sowie ein klar getrennter Feierabend nicht mehr stattfinden: Der digitale Burnout (vgl. Markowetz 2015), alles andere als ein Randphänomen – ist er der Preis, den wir für die Flexibilisierung und Vereinbarkeit zahlen müssen?



Das Teilzeit-Modell

Viele Eltern versuchen eine Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie anhand einer „angemessenen“ Stundenaufteilung zwischen Arbeitsplatz und familiärer Präsenz zu erreichen. Hier wirkt Teilzeit im Grunde wie ein guter Kompromiss, denn Frauen können auf diese Weise mit 10-20 geleisteten Wochenstunden am Arbeitsplatz ihren Beruf ausüben und trotzdem den Ansprüchen von Seiten der Familie gerecht werden. Aber bedeutet das, dass sie eine Vereinbarkeit zwischen diesen Bereichen erreicht haben? Haben sie ihre Wünsche und Vorstellungen der jeweiligen Bereiche wirklich miteinander in Einklang gebracht oder nur Abstriche auf jeder Seite gemacht?


Das tatsächliche Arbeitsvolumen von Teilzeitarbeitenden ist enorm: Morgens im Job sind bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse gefordert und mittags bei den Kindern ebenfalls. In jedem Bereich gilt es aufmerksam, organisiert und einigermaßen stressresistent zu sein. Das ist anstrengend. Wie hoch der Umfang der Koordinations- und Planungsprozesse allein rund um die Kindererziehung sein kann, schlägt sich im Begriff „Mental Load“ nieder, der seit ein paar Jahren immer häufiger gebraucht wird und besonders den Alltagsaufwand von Frauen meint.


Hinzu kommt die dauerhaft unzureichende Zeit, fiebernde Kinder und andere Katastrophen: Wenn es doch mal länger dauert im Meeting, wer holt dann die Kinder von der Kita ab? Wenn das Kind krank ist, wer kümmert sich dann um den Nachwuchs? Corona hat gezeigt, dass wir in Notsituationen eher in gewohnte Muster zurückfallen: Hauptsächlich waren im Lockdown die Frauen dafür zuständig, die Kinder zuhause zu beschulen und zu betreuen.

Vereinbarkeit – ein Euphemismus

Was zunächst nach Vereinbarkeit aussieht, ist in Wahrheit ein Balanceakt. Wir jonglieren mit Zeit, mit Ressourcen, mit Ansprüchen. Wir jagen einem Bild einer „guten Mutter“ und eines „guten Vaters“ hinterher und setzen uns selbst hohe Maßstäbe und unter Druck. Wir kürzen an beruflichen Weiterentwicklungschancen einerseits, an Familienzeit anderseits und viel zu häufig an Zeit für uns selbst – bis wir am Ende das Gefühl haben, in jedem Bereich „versagt“ zu haben.

Aber: gibt es Alternativen?



Die erfolgreiche Frau ist Rabenmutter und Karrieristin

Ein alternatives Arbeitsmodell liegt in der Möglichkeit, die volle Erwerbstätigkeit auch als Mutter beizubehalten. Im Jahr 2019 haben 33,8 Prozent der Frauen mit minderjährigen Kindern in einer Vollzeitanstellung gearbeitet[6]. Frauen, die Vollzeit arbeiten, weil sie beruflich bestimmte Ziele anstreben oder bereits erreichte Positionen nicht verlieren möchten, stützen sich dafür auf ein soziales Umfeld, bei dem vor allem der Partner bereit ist, die beruflichen Vorhaben der Frau zu unterstützen. Die „Vereinbarkeit“ liegt hier in einer Umverteilung der Pflichten, die traditionell den Frauen zugeschrieben wird.


Die Bedeutung der partnerschaftlichen Unterstützung gilt als eine der wesentlichen Erkenntnisse einer Forschungsarbeit[7], bei der 110 weibliche Führungskräfte aus fünf verschiedenen Nationen interviewt wurden, um Merkmale beruflich erfolgreicher Frauen zu definieren. Die Arbeit zeigt, dass kulturell kaum Unterschiede darin bestehen, was eine Top Managerin in Russland, China, Japan, Frankreich und Deutschland ausmacht. Alle Karrierefrauen sprechen von privatem Rückhalt, von klaren Zielen, die sie sich setzen und konsequent verfolgen, und von einer traditionellen Mutterrolle, auf die sie sich nicht reduzieren lassen wollen. Die Top Managerinnen sehen sich selbst in erster Linie als Geschäftsfrauen und erfahren z.B. in China sehr große gesellschaftliche Akzeptanz. Doch gerade an der mangelt es in Deutschland. Bei uns sind konservative Denkweisen und traditionelle Rollenbilder noch stark vertreten – auch das ein Ergebnis der Arbeit. Besonders in Westdeutschland hält sich das Bild der Rabenmutter in den Köpfen hartnäckig und so besinnt sich die Frau (mehr oder weniger freiwillig) auf ihr traditionelles Dasein. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Bilanz der weiblichen Führungskräfte im internationalen Vergleich seit Jahren unverändert schlecht ausfällt, was u.a. auf fehlende Rollenvorbilder und (unternehmens)kulturelle Gründe, die den Frauen einen durchlässigen Aufstieg erschweren, zurückzuführen ist.[8]



Auch die traditionelle Rolle des Mannes ist im Wandel

Nicht jede Frau strebt eine Karriere an, aber auch nicht jede Mutter ist automatisch mit dem Teilzeitmodell zufrieden. Beim Thema Beruf und Familie kommt es weniger auf äußere Rahmenbedingungen an, sondern vielmehr auf individuelle Erwartungen an das Leben, eigene Bedürfnisse und selbst gesteckte Ziele.

Besonders Frauen müssen sich also fragen, welche Rollen sie in den jeweiligen Lebensbereichen spielen möchten, welche Ziele sie anstreben und wie sie diese erreichen können. Es besteht die Notwendigkeit, sich mit eigenen Vorstellungen und tiefsitzenden Glaubenssätzen sowie festgefahrenen Denk- und Verhaltensmustern, die immer noch in unserer modernen Gesellschaft reproduziert werden, kritisch auseinanderzusetzen.

An dieser Stelle sind natürlich auch die Männer gefragt und sie wollen gefragt werden! Gerade die männlichen Vertreter der jungen Generationen befürworten Gleichstellung und haben sehr ähnliche Vorstellungen von Arbeits- und Lebenskonzepten wie ihre weiblichen Altersgenossinnen. Diese Bereitschaft kann viel besser genutzt werden im beruflichen sowie privaten Kontext und bei einer aktuell männlichen Teilzeitquote von nur 6,4 Prozent[9] ist noch viel Spielraum für eine gerechtere Arbeitsteilung.

Dazu müssen wir über Rollenbilder offen sprechen. Erst recht, wenn aus Paaren Eltern werden, sollten sie einander fragen, wer in welchem Maße Verantwortung übernehmen und welche Rollenvorbilder sie für ihre eigenen Kinder darstellen möchten. Angebote wie Elternzeit werden außerdem von vielen Eltern abhängig von ihrem Einkommen entschieden, deshalb brauchen wir die Anpassung der Gehälter zwischen Männer und Frauen. Und noch mehr muss in den Unternehmen passieren: Vorgesetzte müssen es unterstützen, dass Väter in Eltern- und Teilzeit gehen, und das Arbeitsumfeld akzeptieren, dass auch der männliche Kollege einmal um 14 Uhr vom Schreibtischstuhl aufspringt, weil er das Kind in der Kita abholen muss.



Warum wir besser trennen als „vereinbaren" sollten

„Vereinbarkeit“ klingt schick in Zeiten der Selbstoptimierung, es klingt nach dem Anspruch, alles haben zu wollen und nach der Leistung, alles schaffen zu können. Aber es verschleiert die Tatsache, dass wir uns letztlich immer entscheiden müssen. Ob Teilzeit, Vollzeit oder ganz andere Modelle: Wir treffen Entscheidungen.

Das Wort Entscheidung klingt natürlich weniger schick als Vereinbarkeit, da es ein Abwägen beinhaltet, ein Festlegen (zumindest temporär) und am Ende vielleicht auch ein Verzichten. Denn jede Entscheidung bringt beruflich oder privat Konsequenzen mit sich, die ambivalente Gefühle auslösen können.

Kinder wachsen, Möglichkeiten auch

Entscheiden heißt aber auch, die Selbstbestimmung und eigene Handlungsfähigkeit in den Fokus zu rücken. Wir können uns nicht in zweiteilen, aber wir können zu zweit teilen und auf dieser Basis reflektierte, bewusste und im Idealfall gemeinsame Entscheidungen treffen. Es hilft uns zu wissen, dass diese Entscheidungen niemals in Stein gemeißelt sind – sie können sich immer wieder ändern, je nach eigener Lebensphase, Alter der Kinder oder neuen Chancen auf dem Arbeitsmarkt.


Die Lebensbereiche Beruf und Familie zu gestalten, ist ein herausfordernder Prozess, für dessen Umsetzung wir mehr Möglichkeiten haben als jemals zuvor: Wir können auf soziale Netzwerke, auf eine große Bandbreite an Kinderbetreuungsoptionen, auf flexibler werdende Arbeitsmodelle, auf Angebote der persönlichen Weiterentwicklung und auf gleichberechtigte Lösungen zwischen Mann und Frau zurückgreifen.

Dafür brauchen wir den Mut, diese Möglichkeiten auszuschöpfen, und den Wunsch, nicht danach zu streben, Beruf und Familie zu kombinieren, sondern unsere Entscheidungen in Einklang mit unseren Werten und Überzeugungen zu bringen.







[1] § 1356 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) [2] https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/gute-gesetzliche-regelungen-todesstrafe-frauen-homosexualitaet/3/ [3] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/03/PD20_N010_132.html [4] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Geburten/_inhalt.html4 [5]https://de.statista.com/statistik/daten/studie/38796/umfrage/teilzeitquote-von-maennern-und-frauen-mit-kindern/ [6] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/38796/umfrage/teilzeitquote-von-maennern-und-frauen-mit-kindern/ [7] Bettina Al-Sadik-Lowinski, Der Aufstieg der Top-Managerinnen, De Gruyter Oldenbourg, 2020 [8]https://www.frauen-karriere-index.de/ [9]https://de.statista.com/statistik/daten/studie/38796/umfrage/teilzeitquote-von-maennern-und-frauen-mit-kindern/

    © 2018 by Carolin Rebmann