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  • carolin rebmann

Migräne in Quarantäne

Aktualisiert: Okt 29



Es fühlt sich heute anders an. Eine innere Enge, ein Druck auf der Brust. Kurzatmigkeit. Ich weiß nicht, ob es an dem Infekt liegt, den ich habe oder eher an dem schweren Wort, was die Erkältungssymptome in dieser Zeit begleitet. Ob es tatsächlich eine Ansteckung mit Covid-19 ist oder doch nur der übliche Erkältungskram, den man halt so hat im nassen Herbst. Was, wenn ja, was, wenn nein? Wie verlässlich sollen diese Tests sein?


Mir gehen viele Sachen durch den Kopf in diesen Tagen, eine Ansteckung würde mich selbst gesundheitlich kaum aus der Bahn werfen. Ich rechne nicht mit einer Verschlechterung meines Zustandes. Aber ich denke natürlich an die Menschen, die ich getroffen habe in der vergangenen Woche. Vor allem an die Risikogruppe, zu denen rein altersbedingt meine Eltern gehören. Wen habe ich denn sonst noch gesehen? Und wer davon kennt jemand, der vielleicht…bei diesen Gedanken wird mir schwindelig. Ich komme zu dem Ergebnis, dass es so ist, wie es ist. Wer seine Aufmerksamkeit auf Corona legt, sieht die Gefahr überall. Ich bin gezwungen, meine Aufmerksamkeit (mehr als mir lieb ist) diesem Thema zu widmen, denn ich befinde mich in Quarantäne. Als ein direkter Kontakt mit einer infizierten Person heißt es für mich: Zuhause bleiben.


Wenn es nach dem Merkblatt des Ordnungsamtes geht, das mit der offiziellen Verordnung der häuslichen Quarantäne per Mail geschickt wurde, sollte ich nun ein Einzelzimmer zuhause beziehen und meine Mahlzeiten zeitlich und räumlich getrennt von meinen Angehörigen einnehmen, zu ihnen 1,5 m Abstand halten und Mund-Nasen-Schutz tragen. Halten wir kurz fest, dass ich noch auf mein Testergebnis warte. Es besteht natürlich eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass ich mich bei der Begegnung mit Mr. X angesteckt habe, aber noch gelte ich als gesund auf dem Papier und außerdem fühle ich mich nicht so schlecht wie es die Umstände zeichnen.


Aber wer sich wie fühlt, das entscheidet man heute nicht mehr selbst. Man ist positiv, negativ, in Quarantäne oder im Lockdown. Es gibt Kategorien, die den eigenen Handlungsspielraum definieren, vor allem einschränken, und das eigene Befinden stark beeinflussen.


Ich möchte nicht wissen (doch eigentlich möchte ich es wissen), wie viele schwere Corona-Verläufe entstehen, weil manche Menschen sehr ängstlich sind und die andauernde Bedrohung, die Diagnose oder auch fehlende soziale Kontakte zur psychischen Dauerbelastung werden, was das Immunsystem schwächt. Es werden nicht so wenige sein, so mein Eindruck.


Ich mache einen Spaziergang mit dem Hund und atme die frische Luft tief ein. Natürlich gehe ich nur in Gedanken spazieren, denn in Quarantäne ist es verboten, das Haus zu verlassen, auch nicht um das Tier auszuführen. Da muss man schon auf jemanden zurückgreifen, der das für einen in diesem Zeitraum mehrmals täglich erledigen kann. Ich persönlich als Mensch und beruflich als Coach kann es überhaupt nicht gutheißen, dass man Menschen daran hindert, sich an der frischen Luft zu bewegen – gerade wenn sie eine Erkältung haben. Was gibt es besseres, als langsam schlendernd den Kreislauf in Gang zu bringen, die Lungen zu verwöhnen und die Natur zu genießen? Ablenken, durchatmen, Kraft tanken. Auch für mich als Mutter sind mir meine Auszeiten im Alltag heilig, in denen ich mich aufladen kann. Ich brauche sie für mich und damit ich für mein Umfeld, ob beruflich oder privat, da sein kann. Ich verstehe den Grund, Menschen zur häuslichen Quarantäne zu zwingen. Ich verstehe den Wunsch der Regierung, die Infektionsketten unterbinden sowie mit sämtlichen Maßnahmen dem Corona-Spuk endlich ein Ende setzen zu wollen. Aber wird es das jemals geben? Und was kommt als Nächstes?


In mir schlagen ständig zwei Seelen in einer Brust. Eine Querdenkerin* gefangen im Körper einer gehorsamen Bürgerin. Ich möchte mit meinem Verhalten zum Überwinden der Corona-Krise beitragen, gleichzeitig widerstreben mir viele Maßnahmen und Prozesse, die in Gang gesetzt worden sind. Auf diese Diskussion mit mir selbst lasse ich mich jetzt nicht ein – bei meinem imaginären Hundespaziergang. Aber ich denke an die Auswirkungen, die ein positiver Corona-Test nun für mich und für alle Beteiligten hätte. Wieder die Kinder nicht in den Einrichtungen, auch der Mann in Quarantäne (der Arbeitgeber wird sich freuen). Wieder beruflich erst einmal das stillgelegt, was sich so mühsam über die letzten Wochen gerade wieder aufgebaut hatte.


Als Positive werde ich dann wiederum meine direkten Kontakte nennen müssen und dabei stutze ich. Da gibt es wenige private Kontakte, die ich getroffen habe. OK! Aber was ist eigentlich mit meinen Klienten? Bin ich gezwungen, Ihre Daten weiterzugeben? Datenschutz? Manche Menschen möchten vielleicht nicht, dass jemand weiß, dass sie zu mir in die Praxis kommen. Ob Coaching, ob Therapie – für den einen oder anderen scheint es immer noch verpönt, sich Hilfe zu suchen. Was also, wenn jemand wegen mir gezwungen ist, in Quarantäne zu gehen? Er wird ja seinem Umfeld sagen müssen, warum diese Maßnahme angeordnet wird.


Ein Begleitsymptom der Covid-Infektion sind Kopfschmerzen. Wen wundert´s bei all der Tragweite?


Ich warte weiter auf mein Testergebnis und auf die Kundgebungen der Regierung zum neuen Maßnahmenkatalog. Währenddessen versuche ich mir weiterhin ein eigenes Bild zu machen und seriöse und unseriöse Quellen voneinander zu unterscheiden. Immerhin komme ich in Quarantäne wieder dazu, das Haus extra sauber zu machen, auszumisten und umzuräumen. So schade, dass mich derzeit niemand besuchen darf.



In der Quarantäne hat man mehr Zeit fürs Wesentliche, den Durchblick habe ich trotzdem nicht

* Querdenkerin im Sinne von Andersdenken, Hinterfragen. Bedeutet nicht: Sympathisieren mit Verschwörungstheoretikern oder Extremen...

    © 2018 by Carolin Rebmann