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  • carolin rebmann

Warum Schreiben hilft

Aktualisiert: 26. Sept 2018

Nicht jeder Mensch fühlt sich sofort angesprochen, wenn ich von meinen Schreibseminaren berichte. Häufig höre ich den Einwand: „Ach, mir macht Schreiben nicht so viel Spaß“. Gefolgt von der Wertung: „Ich kann auch gar nicht gut schreiben.“


Schreiben hilft, ob allein oder in der Gruppe

Dann ist es mir eine große Freude zu erläutern, wie solch ein Schreibnachmittag abläuft, welche Inhalte im Mittelpunkt stehen und auch welche Voraussetzungen als Teilnehmer erfüllt werden müssen – nämlich keine, außer ein bisschen Lust, etwas Neues (über sich) entdecken zu wollen und die Bereitschaft, ein wenig zu schreiben.


Für Interessierte ist es zunächst hilfreich, sich mit den Begrifflichkeiten auseinanderzusetzen, denn das kreative Schreiben ist auch als Schreibtherapie, expressives Schreiben, autobiografisches Schreiben u.a. bekannt. Wenn auch verschiedene Abstufungen zwischen diesen Bezeichnungen vorgenommen werden können, haben doch alle Begriffe gemeinsam, dass das Schreiben vorwiegend zur Selbstreflexion eingesetzt wird und damit auch immer selbsttherapeutischen Charakter hat. Es geht immer darum, sich selbst auszudrücken, einen Schreibfluss zu erleben, aus dem heraus etwas entsteht.


Prof. Dr. med. Silke Heimes plädiert dafür, den Begriff der Poesietherapie als Standardbezeichnung und Oberbegriff einzuführen. Als Pionierin der Schreibtherapie in Deutschland und Leiterin des Instituts für kreatives und therapeutisches Schreiben in Darmstadt arbeitet sie daran, der Poesietherapie zu mehr Bekanntheit in Deutschland zu verhelfen, aber vor allem auch die wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweise für diese Therapiemethode zu erbringen, damit die Poesietherapie in die medizinischen Leitlinien aufgenommen wird und als abrechnungsfähig gilt. Denn wie bei anderen expressiven Therapien, z.B. Musik-, Kunst- und Tanztherapie, gibt es ein breites Interesse seitens der Patienten und Klienten an alternativen Behandlungsmöglichkeiten sowie bereits eine Vielzahl an wissenschaftlichen Untersuchungen über deren Wirksamkeit, aber heutzutage immer noch zu wenig finanzielle Unterstützung bei den Krankenkassen, was der Verbreitung und Anerkennung als Therapiemethoden hinderlich ist.


Der Begriff Poesietherapie ist aus dem englischen poetry therapy entlehnt. Gerade im nordamerikanischen Raum sind kulturell bedingt Methoden wie das creative writing weitaus populärer und bilden nicht selten Teil der Schulbildung in den USA. Neben der Entlehnung aus dem Englischen meint Poesietherapie nach Silke Heimes nicht nur die literarische Form Poesie. Poesie geht auf den griechischen Begriff poiesis zurück, was eine Qualität des Erlebens ausdrückt. Hier wird das Denk-, Wahrnehmungs- und Erlebnisfeld der Achtsamkeit eröffnet. Denn es kann nur über etwas geschrieben werden, was wahrgenommen wird. Der Vorgang des Schreibens führt zu einer gesteigerten Aufnahme der Welt mit allen Sinnen, schult also die Achtsamkeit, während dieser Prozess gleichzeitig die Sprach- und Ausdruckskompetenz fördert (vgl. Heimes 2012/ Warum Schreiben hilft). So entsteht ein Wechselverhältnis zwischen Schreiben und Wahrnehmung. Ein wesentlicher Aspekt der Achtsamkeit ist außerdem, die Beobachtung und Wahrnehmung von der Beurteilung und Wertung zu trennen. Wenn wir schreiben, geraten wir in einen Schreibfluss, dieser kann bereits wohltuend wirken. Gleichzeitig produzieren wir dadurch etwas, was keiner Wertung bedarf. Das Geschriebene ist im Hier und Jetzt entstanden und könnte im nächsten Moment schon wieder anders ausfallen. Durchaus kann uns das Geschriebene anregen, anstoßen, geradezu anschreien. Am Ende ist das Ergebnis nur ein Teil des Gesamtprozesses und wird vom Autor selbst gedeutet oder nicht.


Die Wirksamkeit des Schreibens lässt sich wissenschaftlich belegen und selbst erfahren. Ob im Alltag als Erinnerungshilfe und zur Strukturierung (Einkaufsliste, To-Do-Liste), zum Verarbeiten eines traurigen oder belastenden Ereignisses (Trennung, Todesfall), als besondere Würdigung tiefer Gefühle (Liebesbrief) oder als Mittel, etwas vor dem Vergessen zu bewahren (Reisetagebuch) für sich und die Nachwelt – wer schreibt, kann nachvollziehen, dass das Schreiben etwas bewegt und bewirkt: Sei es der Prozess an sich wie oben beschrieben, der ein Bewusstsein über den Moment und eine geschärfte Wahrnehmung fördert oder die Tatsache, dass Tätigkeiten, die wir für eine längere Zeit mit voller Aufmerksamkeit ausüben (ab 15 Minuten) dazu führen, dass wir Glück empfinden (vgl. Prinzip Monotasking). Und letztlich das Schreibprodukt an sich, das uns auf ein Gefühl, ein Problem oder eine Lösung aufmerksam macht.


Aufgrund der guten Voraussetzungen (denn wir benötigen nur Stift und Papier) lässt sich das Schreiben hervorragend im Klinikalltag einsetzen. In Einzelsitzungen, meistens aber in Gruppen wird zur Unterstützung des Genesungs-oder Heilungsprozesses geschrieben: Bei verschiedenen Krankheitsbildern wie Krebs, Depression, Suchtkrankheiten u.v.m. zur Unterstützung der Trauerarbeit oder zur Verarbeitung traumatischer Ereignisse.

Anhand der wissenschaftlichen Untersuchungen im medizinischen Bereich können z.B. folgende positiven Effekte des Schreibens auf die körperliche und psychische Gesundheit zusammengefasst werden: Dazu gehören Abnahme der Arztbesuche, Verminderung negativer Stimmungen, Verbesserung der Selbstwirksamkeit, Förderung der sozialen Integration (vgl. Heimes 2012/ Warum Schreiben hilft). Heute werden, vor allem im Vorreiterland der Poesietherapie, den USA, große Anstrengungen unternommen, diese Wirksamkeitsnachweise weiter auszubauen. Sie sind auch für die Etablierung der Poesietherapie in Deutschland von großer Bedeutung.


Aber nicht nur im kranken Zustand ist Schreiben heilsam. Wie bereits erwähnt, lässt sich die positive Wirkung des Schreibens auch im Alltag, für die Sozial-, Kinder- und Jugendarbeit oder ganz allgemein zur Verbesserung des eigenen Zustands nutzen. In unterschiedlichen Kontexten kann Schreiben eine sehr nützliche Methode sein und demnach gezielt eingesetzt werden. Eine Studie zu diesem Thema wurde an der University of Toronto mit 700 Schülern durchgeführt, die in unterschiedliche Gruppen eingeteilt wurden. Dabei erhielt eine Gruppe die Aufgabe, Wünsche und Ziele für die Zukunft schriftlich zu formulieren. In den nächsten zwei Jahren stellte sich heraus, dass sich diese Schüler sehr positiv veränderten im Gegensatz zu denen in der Kontrollgruppe. Der Zusammenhang zwischen beruflichem Erfolg (dem Erreichen von Zielen) und dem Schreiben konnte in ähnlichen Studien nachgewiesen werden. Die Macht des geschriebenen Wortes scheint demnach sehr facettenreich und in vollem Ausmaß sogar schwierig zu erfassen.


Neben all den wissenschaftlichen Erkenntnissen und theoretischen Gedanken bleibt für mich noch zu betonen, dass es für die Teilnehmer eine sehr spannende und schöne Erfahrung bedeutet, wenn sie Texte produzieren, die sie selbst manchmal überraschen, und im Austausch mit anderen zu anderen Blickwinkeln und neuen Aspekten gelangen.



    © 2018 by Carolin Rebmann