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  • carolin rebmann

Weil ich es mir wert bin, oder???

Warum uns Selbstfürsorge so schwer fällt, sie aber unbedingt notwendig ist





Nicht erst seit der Corona-Pandemie haben besonders Eltern eine hohe Alltagsbelastung. Berufliche und private Verpflichtungen, unterschiedliche Rollen als Partner, Eltern, Arbeitskollegen, Freunde, an die oftmals sehr unterschiedliche Erwartungen geknüpft sind, fordern ein hohes Maß an Belastbarkeit, Widerstandsfähigkeit und Durchhaltevermögen. Um trotz der Anstrengung die Leichtigkeit und Lebensfreude im Alltag nicht zu verlieren, ist die Selbstfürsorge unabdingbar. Doch gerade in Stresszeiten an sich selbst zu denken und nicht auf eigene Bedürfnisse zu verzichten, fällt uns häufig sehr schwer. Wer aber zu wenig Selbstfürsorge betreibt, wird unzufrieden und auf lange Sicht anfälliger für Krankheiten.


Selbstfürsorge hat nichts mit Egoismus zu tun

Bei der Selbstfürsorge geht es nicht darum, uneingeschränkt an sich zu denken oder auf Kosten anderer, eigene Wünsche und Bedürfnisse durchzusetzen. Die Selbstfürsorge bildet die Basis eines guten und stabilen Kontakts zu sich selbst und damit die Grundlage für harmonische Beziehungen mit anderen. Die Rede ist also nicht von einer Haltung, bei der man selbst im Vordergrund steht, sondern von einer Gleichwertigkeit der eigenen Person zu den anderen. Es geht also um die Überzeugung, sich selbst genauso wichtig zu nehmen wie die Menschen, die einen umgeben.


Selbstfürsorge kommt häufig in der klassischen Erziehung zu kurz

Sich selbst ernst und wichtig zu nehmen, ist nicht für alle Menschen gleichermaßen selbstverständlich. Eine gesunde Selbstliebe, ein gutes Selbstwertgefühl und damit ein Bewusstsein für Selbstfürsorge wird nicht jedem in gleicher Weise in die Wiege gelegt. Manche Kinder wachsen in einer sehr wertschätzenden Umgebung auf, in der Lernen (auch durch Fehler machen dürfen) und eine stete Persönlichkeitsentwicklung gelingt, so dass stabile Beziehungen zu sich und zu anderen gedeihen können. Frühkindliche Erfahrungen können aber ebenfalls von Druck, hohen Erwartungen oder Ängsten der Eltern* geprägt sein. Dann fällt es nicht so einfach, sich frei und unbeschwert zu entfalten und ein starkes Bewusstsein für eigene Bedürfnisse zu entwickeln. Selbstfürsorge ist also durchaus etwas, wir unter Umständen im Erwachsenenalter noch erlernen müssen. Dazu können wir uns Gedanken machen, welche Werte in unserer Erziehung eine Rolle gespielt, welche Rollenbilder wir kennengelernt haben und welche gesellschaftlichen Normen uns vorgelebt wurden. Häufig werden wir als soziale Wesen schon früh auf unsere soziale Verantwortung hingewiesen. Wir sollen uns um andere kümmern, unsere Spielzeuge teilen und uns selbst nicht immer so ernst nehmen. Hinter dieser Haltung steckt nicht selten der Wunsch der Eltern, Kinder zu erziehen, die wenig anecken und sich in die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gut einfügen. Das ist auch alles richtig und wichtig – wenn es dann auch die andere Seite gibt, bei der uns gesagt wird (oder wir uns heute selbst sagen), dass wir an uns denken, auf eigene Bedürfnisse Rücksicht nehmen und unsere Grenzen wahrnehmen und durchsetzen dürfen.


Selbstfürsorge erfordert Selbstkenntnis und ein Umdenken im Alltag

Wir leben heute in einem Zeitalter der Selbstoptimierung und –vermarktung. Besonders die sozialen Medien laden dazu ein, dass wir uns darstellen, in der Öffentlichkeit zeigen und unseren Wunsch nach Anerkennung Klick für Klick befriedigen. Viel wichtiger als die Präsentation nach außen, ist aber doch die Betrachtung nach innen. Eigene Stärken, Schwächen und individuelle Merkmale benennen zu können, hilft dabei, eigene Bedürfnisse zu erkennen und seinen Alltag darauf auszurichten. Nicht umgekehrt. Doch in unserem Alltag, den viele nicht ohne Grund als ein Hamsterrad bezeichnen, läuft es leider so, dass Bedürfnisse dem Alltäglichen untergeordnet werden.

Und wenn der Kalender ohnehin schon voll ist, der Stresspegel steigt, passiert in der Regel Folgendes: Wir streichen die wenigen Auszeiten und Pausen, die wir noch für uns hätten, zuerst. Die Schräglage nimmt damit weiter zu. Natürlich hat dieses Verhalten nachvollziehbare Gründe: Zum einen wird in der Prioritätenliste das Joggen oder der Kochkurs als weniger wichtig eingestuft als der Elternabend oder das Wäschewaschen. Zum anderen erspart man sich womöglich lästige Diskussionen mit dem Gegenüber, wenn man lieber die Zeit für sich selbst als das Mittagessen mit den Kollegen absagt. (Da sind wir wieder bei den gut erzogenen Wesen, die nicht anecken möchten.) Wir sind höflich, vorsichtig und umsichtig mit anderen, aber ungerecht zu uns. Wann kommen wir selbst zu Wort, nehmen uns Zeit und schenken uns die verdiente und uneingeschränkte Aufmerksamkeit?



Selbstfürsorge hat viele Facetten, ist aber für jeden gleich wichtig

Wir können nur bedingt für andere da sein, wenn wir auch dafür Sorge tragen, dass es uns selbst gut geht. Fürsorge meint, sich um jemanden zu bemühen, zu helfen. Wie können wir uns selbst also um unser Seelenheil am besten bemühen? Jeder Mensch hat eigene Bedürfnisse, die er erfüllen, und Grenzen, die er wahren möchte. Es gibt kein Standardrezept der Selbstfürsorge. Was wir aber alle brauchen sind Zeit und Raum, um unsere Gefühle im Alltag überhaupt wahrzunehmen. Dann nämlich können wir uns auch fragen, welches Bedürfnis hinter einem jeweiligen Gefühl steht. Ist es das Bedürfnis nach Ruhe, nach Ordnung, nach geistigem Austausch oder sportlichem Erlebnis? Selbstfürsorge fällt sehr unterschiedlich aus und variiert von Mensch zu Mensch und situationsbedingt. Aber wir alle brauchen unsere Auszeiten, um uns zu stärken und wieder aufzuladen.


Als Anregung finde ich diese Tabelle sehr hilfreich, die Selbstfürsorge auf fünf verschiedenen Ebenen zeigt:



5 Ebenen der Selbstfürsorge Carolin Rebmann

Quelle: https://lotte-lieke.com/selbstfuersorge-was-ist-das-ueberhaupt/




Selbstfürsorge im Alltag etablieren

Fehlende Selbstfürsorge führt dauerhaft zu viel Stress und mindert die Lebensqualität. Wir müssen uns den Raum, die Zeit und die Wertschätzung geben, nach uns selbst zu schauen und auf uns acht zu geben. Nicht die anderen, sondern wir selbst gestalten den Alltag und treffen Entscheidungen – das sollten wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen. Es ist kein Problem, in bestimmten Momenten auf eigene Bedürfnisse zu verzichten, weil andere Ziele oder Anliegen gerade wichtiger sind, aber dies darf nicht zu einem Dauerzustand werden.

Und wer sich in Zukunft mit kleinen Auszeiten für sich selbst immer noch schwer tut, weil er nicht NEIN sagen kann, dem hilft vielleicht das Bild, bei dem Ja und Nein jeweils eine Seite der Medaille beschreiben. Wer es also schafft, zu anderen Nein zu sagen, sagt dabei JA zu sich selbst.

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*Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einem bestimmten Rahmen eines „gesunden Elternhauses“, bei dem nicht die Grenze zur Kindeswohlgefährdung berührt wird.

    © 2018 by Carolin Rebmann