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  • carolin rebmann

Zurück zur Normalität - aber wie?

Eine müde, aber glückliche Mutter berichtet vom Corona-Alltag



„Wir sollten diese Auszeit nutzen“, „danach wird alles anders sein“, „wir können uns nachhaltig verändern“ – wenn Philosophen und Psychologen Äußerungen dieser Art bezüglich unseres Corona-Daseins durch die Medien schmetterten, konnte ich lange Zeit nur müde lächeln.

Müde, weil mich die Zeit der Corona-Maßnahmen zum Teil wirklich anstrengt. Es strengt mich körperlich an, da ich mit den Kindern und dem Hund unglaublich viele Stunden in Wäldern und auf Wiesen, auf Berge hinauf und an Bächen entlang, verbringe, Tag für Tag. Es gibt aber auch die geistige und seelische Anstrengung, weil sehr wenig, im Grunde überhaupt keine Zeit für mich selbst bleibt – nicht um einfach nur mal auszuspannen und schon gar nicht, um in Ruhe zu arbeiten und meine beruflichen Projekte voranzutreiben.


Aber das müde Lächeln kam auch daher, dass ich es nicht glauben konnte, was gesagt wurde. Ich habe es eher als Aufruf verstanden, als Aufforderung, sich und seine Lebensweise auch in Zukunft zu hinterfragen, aber nicht als ernstgemeinte Prognose. Denn ich konnte nicht glauben, dass sich die Menschen wirklich durch Corona verändern. Dass sich das gesellschaftliche Leben nach Aufhebung der Kontaktsperren wirklich anders anfühlen sollte. Zu schnell wäre alles wieder zu normal, dachte ich. Zu schnell würden die Menschen die Zeit der Einschränkungen wieder vergessen, die Rückkehr in die Kernfamilie, die Beschränkung auf einzelne Kontakte, die Auszeit vom alltäglichen Wahnsinn. Und je länger diese Corona-Auszeit anhält umso unsicherer werde ich, ob das so stimmt, was ich dachte. Oder anders gesagt: Ich glaube mittlerweile, die Menschen, die sowieso eine Affinität zu einer bewussten Lebensweise haben, die werden Corona wirklich als Gelegenheit auffassen können und Dinge versuchen anders zu handhaben in Zukunft.


Wir als Familie beschäftigen uns immer wieder damit, wie wir den Stress im Alltag reduzieren und mehr Spaß und Leichtigkeit anstelle von Routinen und Hamsterrad leben können. Das ist ja auch Teil meines Jobs als Coach. Wenn ich beruflich Tipps in Sachen Zeitmanagement und Entschleunigung gebe, weiß ich aber auch genau aus eigener Erfahrung, wie schwer es manchmal fällt, das Gesagte umzusetzen. So waren auch wir zu Beginn des Jahres wieder einmal an dem Punkt angelangt, wo wir festgestellt haben: es ist von allem zu viel. Wir haben also Anfang März das Pensum heruntergefahren. Hobbies der Kinder auf Eis gelegt, eigene Termine abgesagt und Kontakte beschränkt. Dann kam Corona und komplettierte unsere Auszeit, indem die Politik den Stillstand verordnete.





Schafsherde, anstatt Herdenimmunität.



Auch wenn zunehmend viele Fragen und Zweifel über die Dringlichkeit der Maßnahmen und das Vorgehen der Regierung in mir aufkamen, hielten wir uns natürlich brav an die Vorschriften und verbrachten also viel, viel Zeit mit uns. „Wir bleiben zuhause“ konnten wir nicht behaupten, aber wir hielten Abstand von der zivilisierten Welt und kamen der Natur und uns dadurch näher.

Und jetzt rückt der Tag näher, an dem der Normalbetrieb wieder aufgenommen wird. Irgendwann. Ich sehe mit zwiespältigem Gefühl diesem Tag entgegen. Zum einen sehne ich mich danach, dass die Kinder wieder betreut werden, in ihren Einrichtungen, nicht von mir. Ich möchte wieder arbeiten oder auch einfach mal in Ruhe die Spülmaschine ausräumen. Auf der anderen Seite habe ich Angst, wie genau der Alltag wieder aussehen soll, wenn er wirklich wieder da ist.


An das Home Schooling haben wir uns mittlerweile gewöhnt, die Uhr haben wir quasi abgeschafft, genauso wie den alltäglichen Termin- und Leistungsdruck. Wir sind frei von Erwartungen. Die Geschwister sind wieder einmal mehr zusammengewachsen und aus ihren Klamotten herausgewachsen. Online Einkauf war trotzdem keine Option. Wir haben gemerkt, wie wenig wir wirklich benötigen.


Und morgens gibt es keinen Kampf mehr, um das Kleinkind in den ungeliebten Kindergarten zu bringen. Mittags gibt es keine Hektik, um pünktlich beim Klavierunterricht zu erscheinen. Wann die Äuglein der kleinen Rabauken am Abend zufallen ist auch nicht so wichtig, denn morgens muss niemand früh raus (Entschuldigung, Papa!). Natürlich vermissen wir Freunde und wir vermissen es, unsere Freunde zu umarmen. Der Große vermisst die Schule, den besten Klassenlehrer der Welt und seine Mitschüler. Auch die Hobbies machen doch eigentlich viel Spaß…


Das Vermissen ist wahrscheinlich erträglich, weil die Zeit trotzdem rast, weil die Lebensqualität trotzdem hoch ist (denn wir sind gesund!) und weil wir wissen, dass es nicht ewig so weitergehen kann und wird. Aber wie wird es denn werden, wenn Normalität wieder den Alltag erobert?


Wie soll es werden? Ich will nicht sagen, dass momentan nur paradiesische Zustände herrschen. Nein! Müdigkeit, Genervtheit bis hin zur völligen Verzweiflung können sich an manchen Tagen ganz schön breit machen – aufgrund der familiären Rund-um-die-Uhr-Beschäftigung und wegen der Schlagzeilen, die man so liest und die Befürchtungen, die sich daraus ergeben. Außerdem denke ich an all diejenigen, deren Existenz bedroht ist durch die Corona-Maßnahmen oder an die Menschen, die dadurch vereinsamen. Ich selbst habe auch Sorge, wie und wann ich meine Tätigkeiten wieder aufnehmen kann und wie wir Corona und das Sommerloch überstehen werden.


Aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass wir in unserem Mikrokosmos momentan freier, ungebundener und ausgeglichener leben als sonst. Und ich habe das Gefühl, dass es vielen anderen auch so geht wie uns. Jetzt bin ich als Coach wieder gefragt, wie wir diese positive Erfahrung in unseren Post-Corona-Alltag integrieren können. Das können wir auf jeden Fall. Weil es nicht darum geht, grundsätzlich gegen den Strom zu schwimmen und weil es nicht darum geht, alles anders zu machen. Es geht um bewusste Entscheidungen, die wir treffen. Es geht darum, Abläufe und Anforderungen zu hinterfragen und innezuhalten für einen Moment. Dann gelingt es uns auch, rechtzeitig Nein zu sagen, wenn wir merken, dass uns etwas zu viel wird. Der wichtigste Schritt zur gewünschten Veränderung liegt also in der Erkenntnis, dass wir selbst unser Leben gestalten können – und müssen.


Aber es gibt stressige Zeiten und unglaublich viele Ablenkungen. Sich zurückzuziehen, Nein zu sagen, Pausen zu machen, erfordert im normalen Alltag sehr viel Bewusstheit und Disziplin. Und das ist Übungssache. Die Corona-Auszeit kann also für uns ein gutes Lernfeld sein, um sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen: (Lebens)Zeit, Familie, Gesundheit. Und tatsächlich stellt es eine Aufforderung dar, dass wir diese Werte in einem hektischen, konsum- und leistungsgesteuerten Alltag wieder mehr leben sollten.


Das klingt eigentlich so schön und einfach, oder?


Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich wieder müde lächeln. Denn ich realisiere noch einmal mehr, dass der Kampf gegen Corona nicht mit der Wiedereröffnung der Läden und Schulen endet. Nein, mein persönlicher Kampf beginnt dann erst. Wenn ich nämlich versuchen werde, das zu bewahren, was ich in diesen letzten Wochen alles wiederentdeckt habe.


    © 2018 by Carolin Rebmann